
Über den Autor: Jörg Dahlmann
Jörg Dahlmann, gebürtiger Gelsenkirchener, ist ein deutscher Sportjournalist, der nach seinen journalistischen Tätigkeiten bei Ruhr-Nachrichten, WAZ, Lippstädter Tageblatt, Gießener Allgemeine und Wiesbadener Kurier etwa vier Jahrzehnte fürs Fernsehen tätig war. Unter anderem berichtete und moderierte er für ZDF, Premiere/Sky, Sport1 und Ran Sat.1. Für eine Reportage über einen Wechselfehler des Kaiserslauterer Trainers Otto Rehhagel erhielt Dahlmann den FairPlay-Preis sowie den Deutschen TV-Sportjournalisten-Preis.
Er spaltet die Nation. Na ja, zumindest die Fußball-Nation. Und es scheint, als gäbe es nur schwarz oder weiß, kein grau. Man mag ihn oder man verachtet ihn. Man schätzt ihn und hält ihn für überflüssig. Hopp oder top! Der Video Assistent Referee, kurz VAR.
Gehen wir „back to the roots“. Wer hat ihn eigentlich erfunden? Wer war der Initiator? Eine einzelne Person lässt sich nicht mehr feststellen. Oft wird ein gewisser Paul Hawkins, ein britischer Mathematiker, Ingenieur und Erfinder, genannt. Doch der Herr aus dem Vereinigten Königreich war lediglich der technische Durchführende der Idee. Sein berühmtes Auge „Hawk-Eye“ gab es ja zuvor schon beim Tennis, wurde später dann auf den Fußball projiziert und betrifft vor allem Abseitsentscheidungen bzw. die Torlinientechnologie. Aber es ist ja nur ein Teilbereich des VAR.
In der Tat war es eine Kommission namens IFAB (International Football Association Board), die zumindest die Idee des Video-Schiri-Assistenten weiterentwickelte. Lustigerweise besteht dieses Gremium zu einem großen Teil aus Briten: ein Engländer, ein Schotte, ein Waliser und ein Nordire. Die Briten haben somit mit vier Stimmen ebenso viele Stimmanteile wie der Rest der Welt. Warum dieses traditionelle Machtgefüge der Insel-Funktionäre? Aus der Tradition des Gründungsjahres 1882 heraus, als man vielerorts auf der Welt noch dachte, im Ball stecke ein Frosch. Klingt altbacken und unmodern.
Die Herren Nelson, Maxwell, Bullingham und Mooney (das sind die vier britischen Verbands-Delegierten für das IFAB) haben also die Macht, Regeln wie den VAR einzuführen. Die vier FIFA-Vertreter sind in der Regel Präsident Gianni Infantino (Schweiz), Generalsekretär Matthias Grafström (Schweden), Vizepräsident Vittorio Montagliani (Kanada) und – immerhin eine Frau – die Laotin Kanya Keomany . Sie werden von Experten beraten. Zum Beispiel Ex-Trainer Arsene Wenger, Ex-Spieler Sunday Oliseh, Youri Djorkaeff, Francisco Maturana oder Luis Figo. Einen deutschen Experten findet man vergeblich. Sieben Ex-Schiedsrichter beraten zudem den IFAB, u.a. Pierluigi Collina oder Howard Webb. Auch hier kein Deutscher im Team.
Wenn man das Fehlen der Deutschen im Fußball-Regel-Denkzentrum noch verkraften kann, so ist allerdings ein weiterer Punkt kritisierenswert. Die Frauenquote erinnert eher an Zeiten, als das Fernsehen noch schwarz-weiß sendete. Im Führungszirkel inkl. Beratungsgremien stehen 39 männliche Regel-Änderer insgesamt vier weiblichen Kolleginnen gegenüber. Da gibt es sicherlich noch Entwicklungsbedarf.
Einmal im Jahr (meistens im Frühjahr) treffen sich die Schlaumeier. Und einiges, was in den letzten Jahren oder Jahrzehnten verändert wurde, ist durchaus positiv zu bewerten. Das werden selbst VAR-Kritiker zugeben müssen. Das Freistoßspray, das Bestrafen von Meckerern (nur der Kapitän darf bei Protesten vorstellig werden), Abstoßregel, Anstoß, Wechselkontingent, Trinkpausen etc.). Auch die Handregel wird immer wieder modifiziert, jedoch bis heute unbefriedigend, was die fehlende einheitliche Linie bei den Entscheidungen unterstreicht. Aber das ist ein eigenes Thema.
Die Kritiker heben hervor, dass der VAR die Emotionalität aus dem Spiel herausnimmt. Die Entscheidungen dauern oft zu lange, der Spielfluss leidet, Fans im Stadion (aber auch manchmal vor dem TV) wissen nicht genau, was geprüft wird oder werden unzureichend über das Resultat der Prüfung informiert. Und am Ende wirft der Video-Schiedsrichter manchmal mehr Fragen auf, statt Antworten bzw. Lösungen zu finden.
Klar, die Debatten werden auch in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten nicht stillgelegt werden. Sie werden ein Evergreen an den Stammtischen bleiben. Aber gibt es nicht Möglichkeiten, die Akzeptanz unter den Fans zu erhöhen?
Immerhin ein Schritt in die richtige Richtung war, dass das Mikrofon des Schiedsrichters über die Stadionlautsprecher geleitet wird und der Referee so auch für die Zuschauer verständlich die Entscheidung erklärt. Manchmal wirkt es noch etwas hölzern und etwas zu formell. Bei den Erklärungen der Unparteiischen bekommt man oft eher den Eindruck, in einer Amtsstube das Ausfüllen eines Formulars erklärt zu bekommen. Aber wir stecken ja auch in dieser Hinsicht noch in den Kinderschuhen. Und irgendwie kann man ja auch den Schiedsrichter verstehen, dass sein Puls steigt, wenn man plötzlich seine eigene Stimme vor 60- oder 80.000 Zuschauern hört.
Aber nun stellen wir uns mal vor, der VAR würde vom IFAB wieder abgeschafft. Was im Übrigen undenkbar wäre, nachdem er so viele Hürden genommen hat. Aber rein hypothetisch: Die VAR wird gekillt. Was dann? Einen kleinen Vorgeschmack gab es im Spätsommer des letzten Jahres. In der zweiten (wie auch in der ersten) Runde des DFB-Pokals gibt es den Video-Assistenten noch nicht. Und da gab es das Pokal-Duell zwischen dem 1.FC Köln und Bayern München. Luis Diaz erzielte für den deutschen Rekordmeister den 1:0-Führungstreffer trotz einer Abseitsposition.
Das Geheul war groß. Zumindest bei den Bayern-Gegnern. Und selbst Bayern-Manager Max Eberl forderte eine Ausweitung des VAR schon auf die zweite Runde des DFB-Pokals. Auch Frankfurt, das im Elfmeterschießen gegen Dortmund unterlag, wurde durch ein Abseitstor des BVB (durch Julian Brandt) benachteiligt. Ohne dieses Tor wäre rein rechnerisch Dortmund ausgeschieden. Heidenheim bekam von Schiedsrichter Benjamin Brandt einen Elfmeter gegen sich, der unberechtigt war. Gegner HSV nutzte ihn zum 1:0-Siegtreffer. Auch Daniel Schlager irrte, als er Hoffenheim einen Strafstoß gegen St. Pauli zusprach. Der Ruf nach dem Video-Beweis hallte durch die Stadien. Also das kleine Fazit: Wenn der VAR eingesetzt wird, wird gemeckert. Wenn er fehlt, wird gemeckert. Typischer Fall von „man kann es nicht allen recht machen".
Die Schiedsrichter selbst fühlen sich wohl mit dieser Neuerung. So wird eben ein mögliches Fehlurteil anschließend revidiert und ihnen bleibt an den Folgetagen ein öffentlicher Spießrutenlauf erspart. Schließlich gab es früher reichliche Drohgebärden sogenannter Fans, die zum Teil sogar nach dem Leben des Unparteiischen trachteten. Denken wir an den Schiedsrichter, der Frankfurt durch eine Fehlentscheidung die Meisterschaft in Rostock klaute, oder an den umstrittenen Freistoßpfiff für Bayern München in Hamburg, der Viereinhalb-Minuten-Meister Schalke den Titel nahm und ein Gelsenkirchener Tränenmeer hinterließ.
Vor Einführung des VAR hatte der damalige internationale Spitzenschiedsrichter Urs Meier (Schweiz) davor gewarnt, dass bald schon Morddrohungen in die Tat umgesetzt werden könnten. Auch der Schwede Anders Frisk berichtete über Menschen, die seinen Tod aktiv herbeiführen wollten. Und es gibt auch Beispiele aus der Bundesliga, die aber unter der Decke gehalten wurden, um nicht Nachahmer zu motivieren. Also: Der VAR tut auch was Gutes; Für die Psyche und das Gewissen der pfeifenden Branche.
Aber es müssen Lösungen her: Abseitsentscheidungen, die grafisch nicht nachvollziehbar sind, weil es sich offenbar um Millimeter handelt, wirken absurd. Und kann tatsächlich die kalibrierte Linie exakt sagen, ob statt minus einem Millimeter nicht vielleicht plus ein Millimeter Abstand oder gar die gleiche Höhe vorlag? Da hoffen wir mal auf die KI. Aber die ist ja auch umstritten. Und wird die Nation spalten. Zumindest die Fußball-Nation. Nur eines wird die KI nie: Den Schiedsrichter ersetzen.
Vielen Dank für diesen informativen Artikel, Herr Dahlmann. Wenn Sie weitere Einblicke in den Sport gewinnen möchten, besuchen Sie gerne unseren Blog und lesen Sie Interviews mit Experten.